Landwirtschaft gemeinsam gestalten

Der Wirtschaftsbereich Landwirtschaft

VORWEG:

 Das derzeitig praktizierte Agrarsubventionssystem ist grundsätzlich zu hinterfragen und in der bestehenden Form (Gießkannenprinzip) nicht erhaltenswürdig und bewiesenermaßen nicht zielführend.

Im Fokus der Zukunft muss nicht das Prinzip der Kostenführerschaft stehen, sondern es müssen verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Landwirten das Generieren von tatsächlicher Wertschöpfung und somit angemessener Einkommen durch höhere Produkterlöse unter Schonung von Ressourcen ermöglichen.

Im Fokus aller Betrachtungen zur zukünftigen Landwirtschaft müssen auch immer diejenigen Menschen stehen, die mit Wissen und Können, mit Leidenschaft und aus Überzeugung, unter Beachtung von ethischen Grundlagen und im Denken von Generationen, Landwirtschaft „leben“ wollen …. und, dass sie auch davon leben können.

  

Landwirtschaft, ein Wirtschaftsbereich,

  • in dem ein Produzentenpolypol (Landwirte) einem Abnehmerpolypol (Verarbeitungsindustrie) gegenübersteht, das wiederum einem Vermarktungsmonopol (Einzelhandel) ausgeliefert ist.
  •  der nicht in der Lage ist, seine Produktionsgrundlagen (Zukauf landwirtschaftlicher Nutzflächen) innerhalb einer Generation aus eigener Kraft zu erwirtschaften.
  •  der für Immobilienspekulanten und Geldanleger attraktiv geworden ist
  • der seine Produktionsgrundlagen nicht an günstigere Standorte verlagern kann
  • der aufgrund nicht kostendeckender Produktion dauerhaft Subventionen erhält und anscheinend auch benötigt,
  • der aufgrund seiner Abhängigkeit von Subventionen einer zunehmend größer werdenden Flut an Kontrollen (deren Kosten indirekt wiederum der Landwirtschaft auferlegt werden) ausgesetzt ist.
  • der aufgrund seiner Abhängigkeit von Subventionen und seiner Immobilität lenkbar ist
  • dem aufgrund des Fehlens von verlässlichen Rahmenbedingungen (EU-Agrarpolitik, nationale Gesetzgebung, Marktbedingungen) jegliche Planungssicherheit fehlt
  • viel Kapital benötigt, das sehr lange gebunden ist.
  • der in Teilbereichen permanent Überschüsse produziert
  • der aufgrund der in vielen Bereichen vorherrschenden Überproduktion (auf deutscher und/oder europäischer Ebene) der Volatilität der Weltmärkte ausgesetzt ist
  • der vom Wetter, dem Klima und dem Standort abhängig ist
  • der in der Regel keinen oder nur einen geringen Einfluss auf den Preis seiner Produkte hat. Als letztes Glied in einer Kette wird ein „Resterlös“ an Landwirte weitergereicht
  • der zu Beginn seiner Produktion (Bestellung des Ackers, Einstallung Mastschwein) zwar seine Kosten abschätzen kann, aber i.d.R. nicht seine Erlöse weiß.
  • der Bauförderung erhalten kann (und teilweise muss), um geeignete Wirtschafts- und Produktionsgebäude errichten zu können, die den zukünftigen Ansprüchen gerecht werden.
  • dessen Förderung zumeist an Dritte weitergereicht wird (Verpächter, Bauhandwerk) und nicht direkt bei ihm verbleibt. Er ist oft nur Mittel zum Zweck.
  • dessen Unternehmer nur eine ungenügende und nicht mehr zeitgemäße soziale Absicherung haben.
  • dessen Angestellte oft/meist im Mindestlohnbereich entlohnt werden.
  • der durch die Gesellschaft beurteilt wird und permanent ihrer Kritik ausgesetzt ist
  • der ein gespaltenes Image besitzt
  • in dem es trotzdem Menschen gibt, die aus Überzeugung und mit Leidenschaft tagtäglich ihre verantwortungsvolle Aufgabe wahrnehmen und ihr gerecht werden.

 

  • Die Vielfalt der Betriebsformen, Wirtschaftsweisen und landwirtschaftlichen Strukturen sind ein Ergebnis einer Entwicklung entsprechend der Rahmendbedingungen der letzten Jahrzehnte.
  • Eine kostendeckende Erzeugung von landwirtschaftlichen Produkten zu Marktpreisen mit gerechter Vergütung aller Produktionsfaktoren ist in vielen Bereichen nicht möglich.
  • Die Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe hat sich verändert (Größe, Spezialisierung)
  • Landwirte versuchen den steigenden Kostendruck (z.B. Betriebsmittel, Löhne) durch Mehrproduktion je Flächeneinheit, je Arbeitskraftstunde oder Einzeltier zu kompensieren (Intensivierung, Rationalisierung).
  • Landwirte versuchen durch die Schaffung von größeren Produktionseinheiten und Spezialisierung Fix- und Stückkosten zu minimieren (Anstreben der Kostenführerschaft – speziell in den letzten 30 Jahren)
  • Flächenkosten (Pachtpreise und Kaufpreise) steigen. Das Interesse von Investoren führt zu spekulativen Landpreisen, die in keinem Verhältnis zum Ertragswert der Flächen stehen. Immer mehr außerlandwirtschaftliches Kapital fließt in den Agrarsektor. Landwirte können sich die Flächen nicht mehr leisten.
  • Die Veränderung des Agrarsektors und damit auch einhergehende Fehlentwicklungen sind in der gesellschaftlichen Diskussion. Seitens der Politik wird versucht, wohlwollend korrigierend einzugreifen. Allerdings erfolgt i.d.R. nur eine partielle Korrektur, ohne das System Landwirtschaft gesamtheitlich zu sehen oder verstanden zu haben. Es werden damit keine verlässlichen Rahmenbedingungen und somit Planungssicherheit für die nächsten 20 Jahre geschaffen. Das jüngste Beispiel ist der wohlgemeinte Versuch der Borchertkommission mit ihren Empfehlungen  (die bereits durch die Bundesregierung abgesegnet sind), gegen Auflagen einen höheren Produktpreis für tierische Produkte zu erzielen. Bereits jetzt ist bekannt, dass der Mehrerlös durch den Mehraufwand kompensiert wird. Dies führt leider nicht zum Generieren einer zusätzlichen Wertschöpfung bzw. verbessertem Einkommen für die Landwirtschaftsbetriebe und dient somit auch nicht der Stabilisierung von Produktionsbereichen.
  • Deutsche Landwirte erhalten seit Jahrzehnten von der EU Ausgleichszahlungen (derzeit ca. 5 bis 6 Milliarden € sog. Direktzahlungen), um Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Ländern bzw. dem Weltmarkt zu kompensieren und Einkommen „erwirtschaften“ zu können. Sie haben sich einerseits an dieses System des Wirtschaftens gewöhnt und sind andererseits abhängig davon.
  • Legt man die Summe der Direktzahlungen, die die deutschen Landwirte direkt von der EU erhalten auf die Einwohner Deutschlands um, so ergibt sich ein Betrag von 20 Cent je Tag und Bundesbürger – also der Wert eines Frühstückeis.
  • Der Deutsche Agrarhaushalt beträgt 2020 ca. 6,5 Milliarden Euro. Zusammen mit den Direktzahlungen der EU fließen somit jährlich ca. 12 Milliarden € in den Deutschen Agrarbereich. Jeder deutsche Bundesbürger gibt pro Jahr ca. 2500 bis 2600 € für Nahrungsmittel aus.

Würden die Preise für Nahrungsmittel durchschnittlich um 6 % steigen und der Mehrumsatz direkt an Landwirte weitergereicht, wären die Landwirte von einer Agrarsubventionierung unabhängig. Dies entspricht einer zusätzlichen Belastung jedes deutschen Verbrauchers in Höhe von 12 bis 13 Euro pro Monat.

 

  • Viele Landwirte sind mit dem Agrarförderungssystem völlig unzufrieden und stellen es in Frage. Sie wollen für ihre Arbeit, Leistung und Produkte entlohnt werden und davon leben können. Sie fühlen sich persönlich und bei der Entwicklung ihrer Betriebe in ihrer Freiheit eingeschränkt.
  • Ein Arbeitsplatz in der Milchkuhhaltung kostet heute über 500000 €. Daraus resultiert einerseits ein enormer Kostendruck. Andererseits fördert dies den Durchhaltewillen und die Leidensbereitschaft und –fähigkeit der Milchbauern.
  • Rein betriebswirtschaftliche Überlegungen im Überlebenskampf und bei der Entscheidung zur Entwicklung von Landwirtschaftsbetrieben gewinnen (verständlicherweise) an Bedeutung. Bäuerliche und ethische Grundlagen und Grundeinstellungen verlieren an Wert und werden zurückgedrängt (Kreislaufwirtschaft, Achtung gegenüber dem Nutztier, der Umwelt und sonstigen Produktionsfaktoren).
  • Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage werden viele landwirtschaftliche Mitarbeiter im Mindestlohnbereich Die Konkurrenz zur Außerlandwirtschaft ist groß und die Personalnot für die Landwirtschaftsbetriebe nimmt zu. 1978 betrug der Lohn für Industriearbeiter (umgerechnet) bereits über 10 €.
  • Die Anzahl von Auszubildenden in der Landwirtschaft nimmt ab. Es gibt Berufsberater, die sich in Schulen gegen das Erlernen von Grünen Berufen aussprechen. Die Attraktivität einer Tätigkeit in der Landwirtschaft sinkt ständig (vergleichbare Entlohnung, Freizeit, Image, Geruch).
  • Selbständige Landwirte und Familienarbeitskräfte sind in einer eigenen Sozialversicherung Pro Arbeitsjahr erwerben sie einen Rentenanspruch von ca. 11 €.
Zurück zur Übersicht