Nutzungsdauer unserer Milchkühe: „Wie lange werden sie leben?“
Einfache Methoden und Überlegungen im Bereich der Rinderzucht finden wenig Beachtung. Wir, von agrarVISION aber denken: oft zu wenig! Genomanalyse und Zuchtwertschätzsysteme haben altherkömmliche Zuchtmethoden verdrängt. Landwirten wird ständig suggeriert, dass sie auf die derzeit vorrangig praktizierten Zuchtmethoden bedingungslos vertrauen dürfen. „Altmodische“ Zuchtmethoden gerieten in den letzten Jahren logischerweise in Vergessenheit. Leider geht aber damit auch einfaches züchterisches Wissen, Können und Gefühl verloren.
Erfreulicherweise erschien in der Ausgabe der Bauernzeitung vom 14.08.2020 ein Artikel mit dem Titel „Wie lange werden sie leben?“ Er beschäftigt sich mit der Nutzungsdauer von Kühen und ihren Töchtern. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass langlebige Kühe Töchter haben, die ebenfalls eine überdurchschnittliche Nutzungsdauer aufweisen. Diese Erkenntnis ist absolut nicht überraschend und revolutionär. Das Besondere an diesem Artikel ist aber, dass man an der Uni Berlin und in Dummersdorf abseits vom Mainstream eine einfache, altmodische Betrachtung angestellt hat, die zu einer eindeutigen, aber wiederum altmodischen Aussage führt: alte Kühe sind auch züchterisch sehr wertvoll!
Da wir der Auffassung sind, dass alle züchterischen Erkenntnisse und vertretbaren Methoden und Möglichkeiten genutzt werden sollen, um gesunde und wirtschaftliche Kühe zu züchten, haben wir für die Bauernzeitung dazu einen Leserbrief verfasst, den Sie nachfolgend hier lesen können.
LESERBRIEF:
Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus ethischen Gründen müssen wir Landwirte alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausschöpfen, damit unsere Kühe lange und vernünftig genutzt werden können.
Einen Mosaikstein zur Erreichung einer langen Nutzungsdauer stellt die Rinderzucht dar. In der Regel wird vorrangig versucht, über die Vaterseite den Kuhbestand zu verbessern. Die Mutterseite wird meist außer Acht gelassen.
Landwirte vertrauen bei der Bullenauswahl im Rahmen der Geschäftsmodelle der Zuchtunternehmen auf eine korrekturbedürftige Zuchtwertschätzung, die im Zuge des Wettbewerbs um hohe, vermarktungsfähige Zuchtwerte ältere, nachgewiesen funktionale und wirtschaftlich wertvolle Kühe von der Zucht ausschließt. Gleichzeitig werden Anpaarungsprogramme angeboten und durchgeführt, die dazu führen, dass sich die Genetik im Betrieb im Kreis dreht.
Erfreulicherweise haben Frau Römer und Imke Varlemann sich dem Thema Nutzungsdauer von Kühen und deren direkten Nachkommen gewidmet. Wir können bestätigen, dass es Sinn macht, sich mit den reiferen und verdienten Kühen im Bestand züchterisch intensiv zu beschäftigen. Bereits vor fast 15 Jahren haben wir ältere, unkomplizierte, wirtschaftliche Kühe mit besonders kompletten Bullen angepaart. Teilweise setzten wir auch gesextes Sperma von Bullen auf diese Kühe ein, wenn sie unseren strengen Anforderungen unseres betrieblichen Zuchtziels genügten und auch gesext verfügbar waren.
Wir gingen und gehen sogar noch einen Schritt weiter: mindestens ebenso lange beschäftigen wir uns mit Kuhfamilien. Einerseits versuchen wir im Rahmen einer Bestandsanalyse besonders vitale, sichere und wirtschaftliche Kuhfamilien zu erkennen, um sie gezielt zu vermehren. Andererseits recherchieren wir in der identischen Umwelt und beim selben Management nach Familienverbänden, die unwirtschaftlich sind, dem Landwirt überdurchschnittlich viel Mühe bereiten und deren dazugehörige Kühe in ihrem in der Regel kurzen Leben ebenfalls nicht besonders glücklich erscheinen, um sie im Bestand zurückzudrängen.
Große Unterschiede sind eindeutig feststellbar und die Erkenntnisse erfolgreich nutzbar!
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