Landwirtschaft gemeinsam gestalten

frontal 21: „Zu viel Gülle“

Sehr geehrte Leser,

am 18.02.2020 strahlte das ZDF in der Sendung von frontal 21 einen Bericht mit der Überschrift „Zu viel Gülle“ aus. Da wir den Bericht als polarisierend, ideologisch geprägt und als ungenügend recherchiert empfanden, äußerten wir uns im unten angeführten Schreiben gegenüber der Redaktion von frontal 21. Wir kritisierten die auch die unklare Ausdrucksweise, da die Kommentare im Bericht ständig im Konjunktiv verfasst wurden. Wir versprachen frontal 21 die Veröffentlichung des Schreibens auf der Webseite von agrarVISION. Da nun endlich die Webseite freigeschaltet ist und wir unsere Arbeit entsprechend unserer Konzeption aufgenommen haben, wollen wir dies heute nachholen. Eine Reaktion des Autors von frontal 21 auf unser Schreiben hin empfanden wir als nicht sehr souverän: ein Grund mehr für uns, unser Schreiben zu veröffentlichen.

Wir schätzen frontal 21 als eine Medienplattform, die oftmals unbequeme Themen aus dem Zeitgeschehen aufgreift und sie uns näher bringt. In dem Bericht „Zu viel Gülle“ erschien uns die Arbeit von frontal 21 als nicht gut gelungen. Wir haben frontal 21 unsere Zusammenarbeit und Unterstützung angeboten.

 

 

„Sehr geehrte Frau Brecht, sehr geehrter Herr Laska,
sehr geehrte Damen und Herren,

soviel vorab: es ist Recht und Richtig, über erhöhte Nitratwerte im Grundwasser zu berichten und deren unbestrittenes Vorhandensein auch zu kritisieren und zu hinterfragen.

Herr Dieter Gerlach, Geschäftsführer Wasserwerke Aschaffenburg schildert: „Der wirkliche Anstieg der Nitratwerte im Grundwasser findet seit den 70-er Jahren statt und das ist nicht zufällig so. Das ist einfach die Zeit, in der die kleinbäuerliche Landwirtschaft niederging und es zu immer größeren Strukturen kam. Und diese größeren Strukturen mit intensiverer Tierhaltung sind zweifelsohne die Ursache von Überdüngungen“.

In Zusammenhang mit dem vorgestellten Betrieb Rauch in der Oberpfalz, einem Betrieb mit 120 Milchkühen und 220 ha Betriebsfläche, interpretiert der Kommentator: „Nur mit Gülle wachse auf seinen 220 ha genügend Futter für seine Tiere“.

Weiter heißt es in dem Bericht: „Doch der fast ungehemmte Nitrateintrag, vor allem durch landwirtschaftliche Großbetriebe, müsse endlich aufhören. Die Probleme ließen sich auch nicht wegmessen, sagen vor allem Wasserexperten“ …. „Herr Georg Rauch fühlt sich allein gelassen. Wohin mit Gülle und Mist. Er müsste Lagermöglichkeiten schaffen, vielleicht andere Entsorgungsmöglichkeiten suchen“.

Der Kommentator fährt fort: „auch viele konventionelle Familienbetriebe sehen die geplante Düngeverordnung skeptisch, so wie Viehzüchter Marco Hintze in Brandenburg. Er als kleiner Viehzüchter belaste das Grundwasser gar nicht so sehr [???). Die Düngeverordnung werfe ihn aber mit den Großbetrieben in einen Topf“. Marco Hintze: „Ich glaube, in den zentralen Gebieten, wo die Tierkonzentration höher ist als die Flächenausstattung, da gibt es massive Probleme. Es ist auch falsch, eine Käseglocke über ganz Deutschland zu stülpen, um alle Bauern damit [mit der Düngeverordnung] zu bestrafen“

Kommentator: „Schon heute muss Hintze Sperrfristen bei der Düngung einhalten und teure Lagerkapazitäten für Gülle und Mist vorhalten. Der Minister und der Landwirt sind einer Meinung: mit den Kleinen treffe es die Falschen“.

Grundsätzliches:

1. Gülle ist ein sehr wertvoller, organischer Mehrnährstoffdünger, den die Landwirtschaft sogar selbst produzieren kann. Entscheidend ist der Ausbringzeitpunkt und die entsprechende Menge je Einzelgabe (Aufnahmefähigkeit der Pflanzen) mit zugehöriger Ausbringtechnik. Gülle fällt in kleinen wie großen, konventionell sowie biologisch wirtschaftenden Betrieben an.

2. Intensive Tierhaltung ist zu definieren:

a Will man damit ausdrücken, dass hohe Produktionsleistungen realisiert werden (Tageszunahmen, Milch- oder Legeleistung je Einzeltier)?
b Meint man damit, dass viele Tiere auf einer Hofstelle gehalten werden?
c Oder will man damit zum Ausdruck bringen, dass viele Nutztiere bezogen auf die Betriebsfläche gehalten werden?

3. Düngung bedeutet Pflanzenernährung (und auch Ernährung von Mikroorganismen im Boden). Stickstoff (N) ist einer der wesentlichen Pflanzeninhaltstoffe. Pflanzliches Eiweiß besteht zu ca. 17 % aus Stickstoff. Entscheidend für den Eintrag von Nitrat ins Grundwasser sind unter anderem die Bodenart, Niederschlagsmengen, Temperatur, der Pflanzenbestand, die Düngerart und natürlich die Düngermenge. Mit und ohne organische Dünger kann man den Eintrag von Nitrat ins Grundwasser verursachen. Bei einem Ernteertrag von 80 dt Brotweizen je ha mit 12,5 % Eiweißgehalt werden dem Boden ohne Stroh ca. 170 kg N entzogen.

Frau Stephanie Strotdrees, Biolandwirtin aus Harsewinkel in NRW ist der Auffassung „Biologische Wirtschaftsweise ist die gewässerschonende“. Der Kommentator fährt fort: „Die Zahl der Tiere auf dem Hof der Strotdrees ist deshalb begrenzt. Sie halten nur so viel Tiere, wie ihre Äcker mit den Futterpflanzen an Mist verkraften. So wird das Grundwasser geschont.“
Damit wird indirekt impliziert, dass Herr Rauch zu viele Tiere bezogen auf seine Flächen hält, da ihm im Bericht ja unterstellt wird, dass er für Gülle „vielleicht andere Entsorgungsmöglichkeiten suchen“ müsse. Wenn man im Betrieb Rauch davon ausgeht, dass er neben seinen 120 Milchkühen genau so viel Jungvieh hält, so entspricht dies bei seiner genannten Flächenausstattung von 220 ha einem Viehbesatz von ca. 0,9 bis 1,0 Großvieheinheiten (GVE) je ha. Eine Milchkuh scheidet ca. 75 kg Stickstoff im Jahr aus. Es ist davon auszugehen, dass im Betrieb des Herrn Rauch im Betriebsschnitt zwischen 150 kg und 200 kg Stickstoff je ha durch Pflanzenaufwuchs (Ernte) den Böden entzogen werden. Bei entsprechender Düngung seiner Kulturen kann Herr Rauch den Düngebedarf an Stickstoff nur zwischen 33 und 50 % aus tierischen Exkrementen abdecken. Herr Rauch muss keine Gülle entsorgen! Er kann sie im Rahmen der Düngung sinnvoll einsetzen und muss, um seine Kulturen angemessen ernähren zu können, Mineraldünger zukaufen.

Viele Landwirte setzen Dünger sehr bewusst ein: zum einen lassen sie Bodenproben untersuchen, berücksichtigen Düngungsempfehlungen, erstellen Nährstoffbilanzen, wählen Düngerarten gezielt aus, handeln entsprechend der Düngeverordnung, sie werden kontrolliert und zum anderen: Dünger kostet Geld. Um Stickstoff zu binden, werden Zwischenfrüchte angesät und Landwirte nutzen bei der Düngung N-Sensor-Techniken. Verantwortliche Landwirte passen die Düngung im Jahresverlauf an die Witterung und Ertragserwartung an.

Und trotzdem: Verschiedene Grundwasserkörper enthalten zu viel Nitrat!

Nitrateintrag ins Grundwasser, der der Landwirtschaft zugeordnet werden kann, muss nicht zwingend im Zusammenhang mit der Betriebsgröße landwirtschaftlicher Betriebe oder einer Tierhaltung stehen.
Tendenziell sinkt sogar mit zunehmender Betriebsgröße bei Betrieben mit Nutztierhaltung das Risiko einer N-Überdüngung der landwirtschaftlichen Nutzflächen mit Stickstoff aus Nutztierexkrementen. Ich verweise hier auf das Bewertungsgesetz aus dem Jahr 1952, das heute noch gültig ist. Dort heißt es:

 

Betriebsfläche (ha)          mögl. GVE je ha      bei n ha       mögl. GVE bei n ha                  GVE / ha

Bis 20                                          10                        20                    200                                              10
Weitere 10                                    7                        30                     270                                                9
Weitere 50                                   3                        80                     420                                                5,25
Je weiteren ha                             1,5                    100                    450                                                4,5

z.B. bei                                                                   600                   1200                                               2,0

 

Das Bewertungsgesetz dient u.a. der Abgrenzung von Landwirtschaft zur gewerblichen Tierhaltung. Speziell kleineren Betrieben ermöglicht es den Status eines Landwirtschaftsbetriebes bei einem GVE-Besatz, der über 2,0 hinausgeht. Wie bereits oben beschrieben befindet sich ein Rinder haltender Betrieb mit 2,0 GVE in etwa im Gleichgewicht (je nach Kulturen, Standort etc.) zwischen Nährstoffentzug durch die Ernte und möglicher Rückführung von Nährstoffen aus der Nutztierhaltung.

Im diesem Beitrag heißt es, dass man in den Wasserwerken Aschaffenburg 50 Millionen in eine Denitrifikationsanlage investiert hat. Aschaffenburg liegt im Amtsbereich des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten AELF Karlstadt. Zum Amtsbereich gehören 88118 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Betrachtet man veröffentlichte Tierbestandszahlen des AELF Karlstadt, so ergibt sich folgendes Bild für das Jahr 2013:

Tierart                       Tierhalter                     Tiere                Tiere/Betrieb            Tiere / ha LN

Rinder                           680                           26346                        39                                  0,29
Milchkühe                       96                             3868                        40                                  0,04
Mastschweine              292                            19167                         65                                  0,22
Zuchtsauen                    48                              2994                         62                                  0,03
Schafe                           239                               1128                         46                                  0,12
Legehennen                437                             55287                       126                                  0,62
Pferde                          557                                3306                           6                                  0,04

 

Die Tierbestände haben sich seit den Jahren 1975 bis 2013 folgendermaßen reduziert:

Tierart                       Rückgang              Rückgang                  Reduktion                       Reduktion                                                 Halter (%)             Halter (%)                 Tierbestand (%)            Tierbestand (%)
2013 vs. 1975         2013 vs. 2003           2013 vs. 1975                  2013 vs. 2003

Rinder                           -87                            – 8                                 -57                                          – 9
Milchkühe                    -98                            -64                                -81                                          -33
Mastschweine              -96                            -31                                 -70                                         -40
Zuchtsauen                   -97                            -58                                -54                                          -58

 

Aus diesen vorgenannten Zahlen ergibt sich nach Umrechnung folgender Tierbesatz in Großvieheinheiten (GVE) je ha im Jahr 2013:

Tierart                                       GVE je Tier                    Tiere/ha im Bereich            GVE im Bereich des                                                                                               des AEFL Karlstadt             AEFL Karlstadt

Rinder                                             0,6                                         0,29                                        0,174
Milchkühe                                       1,2                                         0,04                                        0,048
Mastschweine                                0,13                                       0,22                                         0,029
Zuchtsauen mit Ferkel                0,40                                       0,03                                        0,012
Legehennen                                   0,0034                                  0,62                                        0,002
Pferde                                              1,0                                         0,04                                        0,040
Schafe                                             0,10                                        0,12                                         0,012

                                                                                           Gesamtsumme                        0,317

Im Jahr 2013 wurden also ca. 0,3 GVE / ha landwirtschaftlicher Nutzfläche gehalten. Ausgehend davon, dass eine GVE ca. 60 kg Stickstoff im Jahr ausscheidet, ergeben sich für den Bereich um Aschaffenburg ca. 20 kg N, die aus der Nutztierhaltung (incl. Pferde!) je ha als organischer Wirtschaftsdünger ausgebracht werden können. Damit können wiederum nur ca. 10 bis 15 % des Nährstoffbedarfs der Kulturpflanzen für ihr Wachstum abgedeckt werden.

Wie aus den vorgenannten Überlegungen ersichtlich, ist es nicht pauschal möglich, Großbetriebe und die so genannte Intensivlandwirtschaft als Verursacher für die vorhandene Nitratproblematik im Grundwasser auszumachen.

Warum hinterfragt man die Ursachen des überhöhten Nitratgehalts des Grundwassers in Aschaffenburg nicht diffiziler? Weisen 0,3 GVE/ha, 40 Milchkühe oder 62 Zuchtsauen je Betrieb auf eine intensive Tierhaltung hin? In Anbetracht einer intakten Kreislauflandwirtschaft könnte man sich sogar wünschen, dass dort MEHR Tiere gehalten werden!

Warum geht man nicht z.B. dem Hinweis des Herrn Hintze nach, der die Probleme dort sieht, wo sich die Tierkonzentration nicht im Gleichgewicht mit der Flächenausstattung befindet?

Warum nimmt man nicht die Aussage von Biolandwirtin Strotdrees zum Anlass, den Viehbesatz je ha als Ausgangspunkt für eine Ursachenforschung oder Schuldzuweisung zu begreifen.

Warum ist man nicht in der Lage, den tatsächlichen Nährstoffanfall aus tierischen Exkrementen im Betrieb Rauch in Relation zu seiner Betriebsfläche zu setzen?

Hätte man diese Aussagen der 3 Landwirte verwendet, so hätte der Beitrag eine ganz andere Essenz bekommen und man wäre dem eigentlichen Problem näher gekommen.
Anstatt dessen nutzt frontal 21 die ernstzunehmende Thematik Nitrateintrag zur Polarisierung: kleinbäuerliche Landwirtschaft versus Großbetrieb, intensive Tierhaltung, Überdüngung.
Sie rücken „Gülle“ wieder in ein gewisses Licht und suggerieren, dass sie entsorgt werden muss.

Eine objektive Berichterstattung – speziell im Öffentlich Rechtlichen Rundfunk – sollte frei von Ideologien und Polemik sein. Sie haben auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen.
Ich schlage Ihnen vor, den Bericht gemeinsam zu diskutieren. Oder lassen Sie uns gemeinsam Beiträge über landwirtschaftliche Themen erstellen. Es gibt so viele Bereiche, die Verbraucher und Landwirte gleichermaßen berühren, emotional wie fachlich. Sie finden in mir einen wohlwollenden aber auch extrem kritischen Betrachter der Agrarwirtschaft mit einem Umfeld von akademisch gebildeten Praktikern, der sich nach jahrzehntelanger, landwirtschaftlicher Praxis der Entwicklung der zukünftigen Landwirtschaft zuwendet.
Ich darf noch bemerken, dass dieses Schreiben auf der demnächst erscheinenden Webseite agrarVISION.de veröffentlicht wird. Dort werden Sie auch viele Anregungen finden, die sowohl für Landwirte als auch Verbraucher von Bedeutung sind.“

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